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Anschläge von Paris: Muslime gegen Terror?

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Akif Sahinhttps://www.akifsahin.de
Akif Sahin hat über 20 Jahre in der muslimischen Bildungs- und Jugendarbeit mitgewirkt. Er ist Gründer und Leiter von "Public Muslim". Aktuell arbeitet er als Experte für Suchmaschinenmarketing (SEO/SEA) bei einem Hamburger Träger der freien Jugendhilfe.

Die Anschläge von Paris sind erschütternd und machen betroffen. Die Gedanken kreisen sowohl bei den Opfern als auch den Angehörigen. Gleichzeitig fragt man sich, wieso es – nach zehn Monaten Abstand – schon wieder Paris getroffen hat. Es gab vermutlich einige Lücken in der Sicherheitsarchitektur, die jetzt erneut aufgearbeitet werden müssen. Die Terrororganisation IS hat sich in einer Botschaft zur Tat bekannt. Der Mord an Unschuldigen wird mit perfiden Tricks und religiösen Texten begründet. Da hilft es wenig, wenn man als Muslim behauptet, das habe mit dem Islam nichts zu tun.

In den vergangenen Monaten hat sich bei mir eine Lesart durchgesetzt, die von einem gehijacktem Islam, also einem entführtem Islam, spricht. Tatsächlich haben muslimische Theologen in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren die Lesart des IS für falsch und mit dem Kern der islamischen Religion für unvereinbar erklärt. Eine interessante Auflistung hierzu findet sich beispielsweise bei Serdar Günes auf seinem Blog. Das Dossier „Muslimische Quellen gegen den Terrorismus“ wird in regelmäßigen Abständen um Artikel, Texte und Statements erweitert, die solche Taten, wie die in Paris, verdammen und auch theologisch in Frage stellen.

Terror-Anwerber mitten Deutschland

Dennoch müssen wir uns als Muslime der Gefahr gewahr werden. Heute werden Jugendliche von Anwerbern in Deutschland direkt angesprochen, ob sie nicht für den IS in Syrien kämpfen wollten. Ihnen wird sogar Geld geboten. Und oft haben weder die Sicherheitsbehörden noch die Eltern der Betroffenen eine Handhabe gegen solche Anwerbeversuche. Bei den Jugendlichen handelt es sich meist um religiöse Analphabeten, die keine Ahnung von den Methodiken in der islamischen Religion haben. Eine Texterläuterung (Exegese) von Versen aus dem Koran, oder die Unterscheidung zwischen Sunna und Hadith findet nicht statt. Diese jungen – oft fehlgeleiteten Menschen – werden mit falschen Informationen gefüttert. Sie werden beweihräuchert und dazu gedrängt doch etwas „für ihre Religion zu tun.“ Dabei werden Texte und Inhalte des Islam aus dem Kontext gerissen, um diese Geister zu vergiften.

Wer darauf reinfällt, wird ein Gefolge des Satan, bzw. des Stellvertreters Satans auf Erden. Sie lassen sich vereinnahmen, schalten ihren Verstand aus und finden sich plötzlich in einer Situation wieder, die sie eigentlich gar nicht wollten. Wohin die Indoktrination des IS führen kann, sehen wir anhand der zahlreichen (Syrien-)Rückkehrer auch in Deutschland, die vor Gerichten von ihren Erlebnissen berichten. Es sind Berichte über einen gescheiterten Staat und eine gescheiterte Ideologie. Es sind Berichte, die uns allen eine Warnung sein sollten.

Terror-Ideologien dürfen uns nicht kalt lassen

Uns darf es nicht kalt lassen, dass immer noch Jugendliche in den Bann dieser Ideologen und Feinde unserer Gesellschaft gezogen werden. Muslime müssen sich an der Bildung und auch in der Prävention ihrer eigenen Geschwister beteiligen. Nur so kann man – zumindest ansatzweise – verhindern, dass noch mehr Menschen Opfer der terroristischen Machenschaften dieser und anderer menschenverachtenden Organisationen werden. Nur so kann man verhindern, dass noch mehr Menschen für ihren Irrglauben in die Hölle wandern.

Dabei müssen wir auch feststellen, dass wir unsere eigenen Grundwerte weiterhin vernachlässigen. Der Islam ist die Religion des Friedens. Der Islam ist die Religion der Toleranz. Der Islam ist die Religion der Gerechtigkeit. Der Islam ist die Religion der Liebe. Der Islam lehnt Hass, Gewalt und alles wofür der IS steht ab. Der IS ist eine Pervertierung und ein falscher Weg, das müssen wir auch in aller Deutlichkeit immer und immer wieder sagen. Denn man kann es nicht genug sagen und man kann nicht genug Position beziehen. Und oftmals traut man sich kaum noch, weil irgendwelche rechtsextremen Gruppierungen Hohn und Spott für einen übrig haben, diese Wahrheiten an die wir glauben laut zu vertreten. Wir müssen aber laut sein!

Muslime müssen andere Wege suchen, statt ständig allein zu marschieren!

In diesem Sinne lohnt es sich auch, sich Gedanken darüber zu machen, ob die immer gleichen Reaktionen wirklich einen Sinn machen. Nach dem 11. September wurden Medien mit Statements vollgeschüttet, doch nur die wenigsten der muslimischen Statements schafften es auf eine interessante und wichtige Reichweite. Das lag auch daran, dass die Muslime, damals wie heute, einfach nur ihre Pressemitteilungen abgesetzt haben und darauf gewartet haben, dass diese gedruckt wurden.

Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo und in der Pariser Innenstadt vor zehn Monaten hat man unrühmlicher Weise Schlagzeilen damit gemacht, wie schlecht organisiert eine eigene Mahnwache vor dem Brandenburger Tor ablief, ja wie wenig Muslime vor Ort an der Mahnwache teilnahmen. Ebenso wurden später Fragen an die Organisatoren über die Finanzierung laut, die den guten Willen dahinter vernichteten und einen bösen Schatten auf die Veranstaltung warfen. Ich kann daher Forderungen in Richtung eines nicht-existenten Koordinationsrates der Muslime (KRM) nach einer neuen Veranstaltung gegen Terror und Gewalt nur belächeln.

Auch Muslime müssen lernen die Exklusivität abzuschaffen!

Wir brauchen hier keine egoistischen und von Interessen geleiteten Veranstaltungen, nach denen sich die Teilnehmer darüber streiten, warum der eine oder andere Funktionär in der zweiten Reihe stand, statt in der ersten Reihe. Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken. Welchen Sinn hat es, wenn muslimische Organisationen einen exklusiven Rahmen schaffen, in dem sie gegen Gewalt und Terror demonstrieren? Wäre es nicht sinnvoller sich Aktionen auszudenken, die man gemeinsam mit gesellschaftlichen Trägern aller Couleur veranstaltet? Wäre es nicht besser allein dadurch ein Zeichen zu setzen, dass man an Demonstrationen teilnimmt, die von einer breiten Basis getragen werden, statt „nur“ von Muslimen?

Nur so kann man meiner Meinung nach Inklusion und Integration schaffen. Nur so kann man letztendlich auch die Trennung zwischen „Wir“ und „Ihr“ aufbrechen. Denn dies ist auch, was der IS mit seinen Anschlägen bezwecken will. Er will den Keil zwischen die Menschen treiben und für eine neue Stimmung in Europa sorgen, die uns – ähnlich wie nach 9/11 – trennen soll. Fallen wir bitte nicht auf diese Strategie hinein. Verzichten wir bitte auf Schuldzuweisungen gegenüber Menschen, die jahrzehntelang unter uns leben und diese Gemeinschaft mitgestalten.

Generalverdacht ist Nährboden für Extremismus!

In diesem Sinne sollte man auch Abstand davon nehmen, in jedem Muslim einen Verdächtigen oder gar Terroristen zu sehen. Dieser Generalverdacht ist letztendlich nur Nährboden für weitere Ausgrenzungen. Und was glauben wir denn bitteschön, für wen sich Jemand entscheiden wird, der von dieser Gesellschaft schief beäugt, diskriminiert und verachtet wird? Glauben wir, dass man so den Kampf gegen den IS gewinnen kann? Machen wir also nicht die gleichen Fehler, die nach dem 11. September schon einmal viele Menschen ins Verderben geführt haben. Sorgen wir uns lieber darum, wie wir das Gemeinsame und Verbindende in dieser Gesellschaft weiter stärken können.

Lassen wir Menschen, die die Anschläge für politische Zwecke instrumentalisieren wollen, auflaufen und kritisieren wir diese lautstark! Gerade hier fällt aber auch den Muslimen eine wichtige Rolle zu, über die sie auch noch einmal neu nachdenken müssen. Denn noch immer gibt es auf beiden Seiten viel zu viele Feindbilder, viel zu viele Verschwörungstheorien und viel zu viele Vorwürfe. Vielleicht sollte man als Muslime endlich anfangen nicht mehr in der Vergangenheit zu leben, sondern im hier und jetzt auf einen Neuanfang setzen – gerade in der Bewertung der Gesellschaft in der man jetzt lebt.

Pressemeldung von muslimischen Gemeinschaften zu Paris

Diese Pressemeldungen von muslimischen Verbänden und Religionsgemeinschaften haben unsere Redaktion heute erreicht. Es ist schön zu sehen, wie schnell man reagiert und wie schnell man die Vorfälle verurteilt hat. Es reicht aber bei weitem nicht aus, nur eine Pressemitteilung auszusenden. Es fehlt auch an einer Kommunikation nach innen und vor allem an einer besseren Jugendarbeit. Vorbildlich ist hier erneut das MFI, dass bereits zu einer Demonstration aufgerufen hat und insbesondere Jugendliche mobilisiert.

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