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Zentralrat der Muslime: Welche Auswirkungen hat der neue Landesverband in Hamburg?

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Zentralrat der Muslime: Welche Auswirkungen hat der neue Landesverband in Hamburg?

Schon am 13. September 2019 wurde ein neuer Landesverband des Zentralrats der Muslime in Hamburg gegründet. Der Dachverband bemüht sich schon seit mehreren Jahren um die Gründung neuer Landesverbände. Bisher war das für Hamburg jedoch kein Thema. Entsprechend kam die Gründung für viele Beobachter überraschend. Ein paar Gedanken zur jüngsten Entwicklung in der Verbandslandschaft.

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Akif Sahinhttps://www.akifsahin.de
Akif Sahin hat über 20 Jahre in der muslimischen Bildungs- und Jugendarbeit mitgewirkt. Er ist Gründer und Leiter von "Public Muslim". Aktuell arbeitet er als Experte für Suchmaschinenmarketing (SEO/SEA) bei einem Hamburger Träger der freien Jugendhilfe.

Schon am 13. September 2019 wurde ein neuer Landesverband des Zentralrats der Muslime in Hamburg gegründet. Der Dachverband bemüht sich schon seit mehreren Jahren um die Gründung neuer Landesverbände. Bisher war das für Hamburg jedoch kein Thema. Entsprechend kam die Gründung für viele Beobachter überraschend. Ein paar Gedanken zur jüngsten Entwicklung in der Verbandslandschaft.

„Führt das nicht automatisch zur Spaltung der SCHURA?“, fragte mich ein besorgter Journalist über Twitter. Ein anderer sprang direkt mit auf und versuchte zu erfahren, wann die SCHURA Hamburg nun offiziell ihr Ende verkünden werde. Tatsächlich musste ich da schon schnell bremsen. Dass sich jetzt mehrere Moscheen und Vereine zu einem Landesverband des Zentralrats der Muslime zusammengeschlossen haben, sagt noch nichts über die künftige Entwicklung und Zukunft der SCHURA aus.

Es kommt auch nicht sofort zu einer Spaltung. Fakt ist, dass beispielsweise die Al Nour Moschee in Hamburg und das schiitische Islamische Zentrum Hamburg seit mehreren Jahren Mitglied im Zentralrat der Muslime sind. Ein Landesverband stand in dieser Zeit hinter den Kulissen immer wieder mal zur Debatte, wurde jedoch nie wirklich in Erwägung gezogen. Das lag auch daran, dass von den drei Vorsitzenden der SCHURA jeweils eine Person der Al Nour Moschee und dem schiitischen Islamischen Zentrum angehörten. Es gab also kein großes Interesse an einem Landesverband, solange die eigene Macht innerhalb der SCHURA gesichert war.

Daniel Abdins Abwahl ist ein Schlüsselmoment

Das änderte sich natürlich mit dem Ausgang der letzten Vorstandswahlen. Daniel Abdin, der auch für die SCHURA den Staatsvertrag unterschrieben hat, wurde in einer Kampfabstimmung aus dem Vorstand gedrängt. Dabei hatte Abdin, der von der Presse als liberaler und moderater Muslim gefeiert wurde, mit seiner Wiederwahl fest gerechnet. Er war ambitioniert, wirkte immer wieder pragmatisch und brachte sich auch tatsächlich stärker im Vorstand ein. Er unterlag einem bekannten und einflussreichen Muslim aus der Szene, Moez Ben Khemis. Nach dieser Abwahl fürchteten Kritiker auch eine mögliche „Radikalisierung“ der SCHURA.

Der neue Vorstand um Fatih Yildiz (Centrum-Moschee Hamburg, BIG und IGMG), Mohammed Ale Hosseini (Islamisches Zentrum Hamburg) und Moez Ben Khemis (Muhajirin Moschee) versuchte entsprechend auch aktiv auf die Kritiker zuzugehen und Bedenken auszuräumen. Vorwürfe, sie seien Hardliner, versuchten alle drei zu begegnen und warfen den Kritikern Stigmatisierung vor. Bisher macht die SCHURA öffentlich auch den Eindruck als würde alles ganz geregelt seine Wege gehen. Viel wichtiger ist jedoch, dass nach dem Abgang von Mustafa Yoldas keine Auflösungserscheinungen im großen Stil bemerkbar sind.

Der neue Landesverband ist ein Plan B für die Al Nour Moschee

Doch die Abwahl Abdins hatte zur Folge, dass sich die Al Nour Moschee jetzt Gedanken machen musste, wie es weitergeht. Der Plan für einen Landesverband des Zentralrates lag da schon länger in der Schublade versteckt. Die Idee ist also nicht neu, wurde aber vermutlich mit der Abwahl Abdins wieder aus der Versenkung geholt. Das hat einen einfachen Hintergrund: Mit dem Kauf der Kapernaum-Kirche und ihrem Umbau zu einer repräsentativen und vorzeigbaren Moschee in Hamburg Horn ist die Gemeinde zu einer der wichtigsten Zentren für islamisches Leben in Norddeutschland geworden.

Es gibt gut besuchte Moscheeführungen, Islamunterrichte, Vorträge und Veranstaltungen sowie eine funktionierende Basisarbeit in der sich Ehren- und Hauptamtliche gut austauschen. Im Hintergrund steht ein Plan, um eine der bedeutendsten und wichtigsten Moscheen in Hamburg zu werden, mit einem großartigen Gemeindeleben. Bereits jetzt wird die Moschee im politischen wie gesellschaftlichen Alltag sehr ernst genommen und mit Wohlwollen begleitet.

Eine neue Fraktion innerhalb der SCHURA Hamburg

Doch ohne eine überragende Rolle in der muslimischen Verbandslandschaft droht die Al Nour Moschee in der Versenkung zu landen. Ohne eine Persönlichkeit wie Abdin in der SCHURA gerät das gesamte geplante Konzept ins Wanken, weil sich die Gemeinde um ihre Deutungshoheit und Bedeutung Gedanken machen muss. Der Einfluss innerhalb der SCHURA drohte entsprechend auch zu sinken. Da geht es auch darum, dass innerhalb der SCHURA auch verschiedene Fraktionen vorhanden sind.

Neben den Schiiten bilden die sunnitischen Gruppen um die IGMG und Araber ein Schwergewicht. Mit der Abwahl von Abdin hat die Gruppe der arabischen Mitglieder an Einfluss verloren. Dafür hat Abdin jetzt einen eigenen Landesverband, die vor allem zur Stärkung der eigenen Mitglieder und Positionen in der SCHURA dienen wird. Das führt allerdings nicht zur Spaltung, sonst hätte das Übergewicht der BIG (bzw. IGMG) Moscheen dazu schon längst geführt. Es bildet sich so gesehen nur eine neue Fraktion innerhalb der SCHURA.

Zentralrat baut seine strukturellen Reformen weiter aus, um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden

Ein anderer Aspekt ist die Erwartungshaltung des Zentralrates. Der eigentlich ziemlich kleine Dachverband versucht mit den Landesverbänden eine neue Struktur aufzubauen, die nicht mehr nur auf einzelne Organisationen fußt. Tatsächlich ist das sinnvoll, führt es doch am Ende zu mehr Mitgliedern. Auch in Hamburg scheinen sich dem Landesverband mehr Moscheen angeschlossen zu haben, als die bisher bekannten zwei Vereine. Eine öffentlich einsehbare Mitgliederliste gibt es nicht. Der Zentralrat gibt diese Liste auch nicht auf Verlangen von Blogs raus. Es wird ständig mit Sicherheit der Gemeinden argumentiert, um sich nicht in die Karten hereinschauen zu lassen.

Die strukturelle Ebene ist aber auch notwendig, um langfristig als Religionsgemeinschaften anerkannt zu werden und später einen Körperschaftsstatus zu erhalten. Zu dieser Erkenntnis ist der Zentralrat schon vor mehr als einem Jahrzehnt gelangt. Umgesetzt wird die Strukturreform seit dem Jahr 2016. Es gibt auch immer wieder Gutachten, die auf die strukturelle Form der Gemeinschaften aufmerksam machen. Man versucht in diesem Sinne, nicht nur Landesverbände zu gründen, sondern eine Struktur zu etablieren, die eine große Religionsgemeinschaft ausmacht. Dazu gehören langfristig auch Frauen- und Jugendverbände. Hamburg ist also nur eine weitere Station auf dem Weg zu einem großen Zentralrat – zumindest strukturell.

Körperschaftsstatus: Landesverband kann in der Zukunft ein Gesprächspartner sein

Für die Vereine in Hamburg ist die Gründung auf einer anderen Ebene ebenfalls wichtig. In spätestens fünf Jahren wird der mit der SCHURA, der DITIB und dem VIKZ geschlossene Staatsvertrag auf den Prüfstand kommen. Im Vertrag ist festgelegt worden, dass nach Ablauf von zehn Jahren Gespräche mit dem Ziel aufgenommen werden, „im Lichte der gewonnenen Erfahrungen über diesen Vertrag und die Notwendigkeit von Änderungen und Ergänzungen zu verhandeln.“ Im Protokoll wurde zusätzlich noch ergänzt, dass die muslimischen Organisationen einen Körperschaftsstatus anstreben.

Wenn zu diesem Zeitpunkt ein funktionierender Landesverband existiert, dann kann der Zentralrat sich tatsächlich unabhängig von den anderen Verbänden an Gesprächen beteiligen und selbst einen eigenen Körperschaftsstatus anstreben. Das heißt, dass die jetzige Entwicklung in der Zukunft durchaus zu einer Spaltung der SCHURA führen und eine Weiche für die künftige Zahl von Ansprechpartnern bei der Stadt Hamburg darstellt. Daniel Abdin genießt einen positiven Ruf innerhalb der Hamburger Politik als muslimischer Ansprechpartner. Das könnte die Position des Landesverbands des Zentralrats auch langfristig stärken.

Fazit: Alles dreht sich um den Körperschaftsstatus

Es bleibt also aktuell bei einer einfachen Gründung, die aber langfristig und strategisch durchaus für die Gemeinden sinnvoll sein kann, die sich von der SCHURA Hamburg distanzieren könnten. Denn dann könnte man sich in fünf Jahren als Ansprechpartner anbieten und zugleich betonen, wie moderat und liberal man im Gegensatz zu den anderen Verbänden ist. Tatsächlich muss man nun abwarten und genauer hinschauen, wie sich die Dinge in den kommenden Jahren entwickeln werden.

Mit Daniel Abdin als Vorsitzenden und einer soliden Basis aus der Al Nour Moschee hat man jedenfalls beste Voraussetzungen um ein wichtiger Verband in Hamburg zu sein. Die Zeit wird zeigen, ob es gelingt eine solide Arbeit für die Gemeinden und Muslime insgesamt zu leisten. Dass sich die SCHURA selbst auf diesen Weg bewegen will, machte eine Fachtagung zum Thema Körperschaftsstatus in der vergangenen Woche deutlich.

Es bleibt aber die Frage, ob es in Hamburg überhaupt den Willen geben wird, einer muslimischen Religionsgemeinschaft nach der Ahmadiyya überhaupt den Körperschaftsstatus geben zu wollen. Die Bedingungen dafür müssten aber zuerst überhaupt erfüllt sein. In fünf Jahren wissen wir dann vermutlich mehr.

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